In search of the lost body
SOPHIE REYER
2023
(german below)
Iris Dittler makes room in her works. A female body dancing, dazzling, moving as if underwater. The boundaries blur. Not only between outside and inside. Also between the levels of responsibilities: there is the choreographer as graphic artist, present as dancer, the body becomes mudra, a meditative symbol, but in the same moment stands for itself.
What is underneath the skin is flushed to the surface, finds form and enters into dialogue. Why make art in times of AI, and still give space to the body in its intelligent slowness? The question arises while watching Iris Dittler’s works. Facing palliative society, we are ever more steering towards a holistic bio-political system. Pandemics have had their share in this: now, fascism appears to be legitimised through the preservation of life. The digital surveillance system has undermined the idea of freedom: surveillance creates capital. And spreads out over everyday life via the Internet. Big Data makes our behaviour controllable, manipulable. Not least through Google and Facebook, the things we should buy are suggested to us, which indeed we also think we want to buy – a vicious circle getting ever tighter. Thus, life beyond this sphere can hardly be experienced. We have become, as one of the artist’s works attempts to explain to us indirectly, “body scans” of ourselves – controlled by an alien system. However, as the control is an ostensibly inner control, everyone is convinced of being free to decide. So, from an evolutionary point of view, the phenomenon of pain is bound to disappear. Followed by boredom – which the humanist also will have abolished soon. Painless life forever? Will humanity be the first species to annul itself? No, says Iris Dittler – and addresses carnal, human matters in her choreographies. Which does not happen without pain – which is good, too. Pain always is connected with desire. If we want to revolutionise the system, we have to treat each other with care – that is, let each other be in our alienness and strangeness, and give ourselves time – just like when watching Iris Dittler’s performances. In our sadness, we have to comfort each other. That demands distance. It is a pain of the nearness of remoteness – one which in the digital age, where everything is defined by the remoteness of nearness (see Facebook, Zoom, Skype), we can no longer experience. For this pain does not exist in the digital world: here, everything is pure information, is objectified, efficient, and without distance, without comfort. It is cold, perfect and – godless. Nothing in it is foreign, any form of sense appears to be available. That is dataism: addition replaces narration. Everything is objectified to become “IT” and loses its fragrance, is pure image, effigy; sign and designation coincide without mystery. There is no relinquishment, no gift to bestow on each other: no comforting or sparing. This makes even death sad. Deadly sad, one might say – for it is factored out of our existence just like sadness. The result is worse than hopelessness: it is the impossibility of feeling any more. A condition meaning absolute disconsolation. Which is what Iris Dittler dances, paints, works, shouts against – and she gives us space and time for it.
Translation by David Ender
Auf der Suche nach dem verlorenen Körper
SOPHIE REYER
2023
Iris Dittler gibt in ihren Arbeiten Raum. Ein Frauenkörper, der tanzt, gleitet, gleißt, sich bewegt als wär er unter Wasser. Die Grenzen verschwimmen. Nicht nur zwischen Außen und Innen. Auch zwischen den Ebenen von Zuständigkeiten: Da ist die Choreografin als Zeichnerin, als Tänzerin präsent, da wird der Körper zum Mudra - zum meditativen Zeichen - und steht im selben Moment doch für sich selbst.
Was unterhalb der Haut ist wird nach Oben gespült, findet Form und tritt in den Dialog ein. Warum in Zeiten der KI Kunst machen und dem Körper in seiner intelligenten Langsamkeit Raum geben, immer noch? Eine Frage, die sich beim Betrachten von Iris Dittlers Arbeiten stellt. Mehr und mehr steuern wir angesichts der Palliativgesellschaft auf ein ganzheitliches biopolitisches System zu. Die Pandemien haben ihr Übriges dazu getan: Nun scheint Faschismus durch den Schutz des Lebens legitimiert. Bereits das digitale Überwachungssystem hat die Idee der Freiheit untergraben: Überwachung schafft Kapital. Nun wird diese durch das Internet auch auf das alltägliche Leben ausgeweitet. Big Data macht unser Verhalten steuer - und manipulierbar. Nicht zuletzt durch Google und Facebook erhalten wir stets die Dinge vorgeschlagen, die wir kaufen sollen, ja, die wir, wie wir denken, auch kaufen wollen - ein Teufelskreis, der immer enger wird. So wird jenseits dessen kaum noch Leben erfahrbar. Wir sind, wie auch eine Arbeit der Künstlerin uns indirekt erklären will, „body scans“ unserer selbst geworden- und ein fremdes System kontrolliert uns. Doch da die Kontrolle eine scheinbar innere Kontrolle ist, meint jeder, in seiner Entscheidung frei zu sein. Evolutionsgeschichtlich ist das Phänomen des Schmerzes also dazu bestimmt, zu verschwinden. Was folgt ist zwar Langeweile - doch auch die will der Humanist in Bälde abgeschafft haben. Schmerzloses leben forever? Wird der Mensch die erste Spezies sein, die sich selbst annulliert? Nein, findet Iris Dittler- und bringt in ihren Choreographien Fleischliches, Menschliches zu Wort. Das Ganze geschieht nicht ohne Schmerz- und das ist gut so. Schmerz hat immer auch mit Sehnsucht zu tun. Wollen wir das System revolutionieren, müssen wir einander schonen - das heißt, einander in unserer Andersartigkeit und Fremdheit belassen und uns Zeit zu geben- genau wie beim Betrachten von Iris Dittlers Performances. Wir müssen einander- in unserer Trauer- trösten. Das gebietet Distanz. Es ist ein Schmerz der Nähe der Ferne - einer, den wir im digitalen Zeitalter, in dem alles durch die Ferne der Nähe bestimmt ist - siehe Facebook, Zoom, Skype – nicht mehr erfahren können. Denn dieser Schmerz ist in der digitalen Welt nicht vorhanden: Hier ist alles reine Information, ist verdinglicht, effizient und ohne Abstand, ohne Trost Sie ist kalt, perfekt und- gottlos. An ihr ist nichts fremd, jede Form von Sinn scheint verfügbar. Das ist der Dataismus: Die Addition ersetzt die Narration. Alles wird zum „ES“ verdinglicht und verliert seinen Duft, ist reines Bild, Abbild; Zeichen und Bezeichnung fallen ohne Geheimnis zusammen. Es gibt keinen Verzicht, keine Gabe, die man einander schenkt: Kein sich trösten oder schonen. Das macht sogar den Tod traurig. Todtraurig, im wahrsten Sinne des Wortes- denn er wird aus unserem Dasein ausgeklammert, genau wie die Trauer. Was bleibt ist schlimmer als Hoffnungslosigkeit: es ist die Unmöglichkeit, noch zu fühlen. Ein Zustand, der absolute Trostlosigkeit bedeutet. Und dagegen tanzt, malt, arbeitet, schreit Iris Dittler an- und sie gibt uns Raum und Zeit dafür.