Repair as re-pair
ANDREAS SPIEGL
2024
(german below)
Iris Dittler’s performance-cum-installation titled »Is this repair?« not only takes recourse to medical utensils, but also explores possible repairs of the human body beyond medical and technical intervention. While medicine focusses on the restoration of a functionally efficient body, Dittler in her works shifts the centre of interest to the mutual influences between bodies and their environment – a dialogue in whose performative process she not only gauges, searches, and explores the respective sides and qualities, but also the exchange and merging of body, time, and space become the object of her expeditions. If one were to translate this »ex-pedition« literally as going out (ex-) via one’s »feet« (pedes), then her performances would explore exactly this tracing of the body with and in the body – beyond the body. The title »repair« then would mean a restoration which not only strives for re-activated consciousness and feeling of and for the body, but also fathoming and rediscovery of the (lost) relationships between bodies, space, and time. The mere body that is observed or conceived in isolation from its surroundings does not exist.
Speaking about the body implicitly means speaking about gravity, energy, of time and space which surround it and, intrinsically tied to each other, form the conditions of life and living beings: breathing disregards the boundaries of lung capacity and air, connecting the body in exchange with its space. Every movement measures the dialogue between space and body whose choreographic rendering reacts to the geometry and materiality of the space. The test tube not only enables the reaction of various fluids and substances, but also requires handling that is up to dealing with its glass-like fragility. With the light reflections in the space, the test tube itself becomes an optical instrument on whose transparent skin space and body are mirrored. The fringes of one term always touch those of another – individualised yet connected, every movement binds itself to the environment and the conditions it is carried by. Individual yet in touch, Dittler’s expeditions follow a subject that is never alone – only appears conjoined, in pairs, found again and repaired through »re-pair«.
Surrounded by numerous discourses ranging from post-human interfaces between human and non-human life forms, up to feminist sensitisation for the social corset of physique-based assignations of identity, Dittler’s performances and installations speak on behalf of a form of experience that takes the time to explore the body in its relationships to an environment, and to this end to suspend classical attributions and ascriptions along the dichotomies of subject and object. What appears therein is a passion which even discards the contradistinction of active and passive, because the body cannot avoid being moved itself by the movements it performs. Here, too, »re-pair« in the sense of putting together again action and reaction in the same moment, for which distinction is not situated in the difference between the body and the »things« it is surrounded by, but only in the difference of the respective experiences of this fundamental connectedness in space and time. Even if in a different sense, her performances and installations are »contagious« – they activate »reception« which turns observing her works per se into an act of participation, a »re-pair« of art and its audience.
Repair as re-pair
ANDREAS SPIEGL
2024
Die Performance und Installation von Iris Dittler mit dem Titel »Is this repair?« greifen nicht nur auf medizinische Utensilien zurück, sondern spüren auch möglichen Reparaturen des menschlichen Körpers jenseits medizinischer und technischer Eingriffe nach. Steht in der Medizin die Wiederherstellung eines funktionstüchtigen Körpers im Zentrum des Interesses, so verlagert Dittler in ihren Arbeiten dieses Zentrum in die Wechselwirkungen zwischen Körpern und ihrem Umfeld – in einen Dialog, in dessen performativen Verlauf nicht nur die jeweiligen Seiten und Qualitäten abgetastet, gesucht und erforscht werden, sondern ein Austausch und ein Ineinander-Übergehen von Körper, Zeit und Raum Gegenstand ihrer Expeditionen werden. Würde man die »Ex-pedition« wörtlich als ein Hinausgehen (ex-) über die »Füße« (pedes) übersetzen, dann würden ihre Performances genau dieses Nachspüren des Körpers mit und im Körper über den Körper hinaus erkunden. Unter dem Titel eines »Repair« wäre damit ein Wiederherstellen gemeint, das nicht nur ein re-aktiviertes Bewusstsein und Gefühl für den Körper anstrebt, sondern auch ein Ausloten und Wiederentdecken der (verloren gegangenen) Beziehungen zwischen Körpern, Raum und Zeit. Den bloßen Körper, der isoliert von seinem Umfeld betrachtet oder aufgefasst wird, gibt es nicht.
Vom Körper zu sprechen bedeutet implizit von der Schwerkraft, von der Energie, von der Zeit und vom Raum zu sprechen, die diesen umgeben und untrennbar voneinander den Begriff von Leben und Lebendigem formen: Das Atmen setzt sich über die Grenzen von Lungenvolumen und Luft hinweg, verbindet den Körper im Austausch mit seinem Raum. Jede Bewegung vermisst den Dialog zwischen Raum und Körper, dessen choreografische Gestaltung auf die Geometrie und Materialität des Raumes reagiert. Das Reagenzglas ermöglicht nicht nur die Reaktion verschiedener Flüssigkeiten und Stoffe, sondern verlangt auch nach einer Handhabe, die mit dessen gläserner Fragilität umzugehen weiß. Mit den Reflektionen des Lichts im Raum wird das Reagenzglas selbst zum optischen Instrument, auf dessen transparenter Haut sich Raum und Körper widerspiegeln. Die Ränder des einen Begriffs berühren immer jene eines anderen – individualisiert und doch verbunden bindet sich jede Bewegung an das Umfeld und die Bedingungen, die sie tragen. Individuell und doch berührt spüren die Expeditionen von Dittler einem Gegenstand nach, der nie allein ist – nur zusammen auftritt, paarweise im Paar, im »pair« wiedergefunden und repariert im »re-pair«.
Umgeben von einer Vielzahl an Diskursen, die von den posthumanen Schnittstellen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Lebensformen bis zur feministischen Sensibilisierung für das soziale Korsett körperlicher Identitätszuschreibungen reichen, plädieren die Performances und Installationen von Dittler für eine Form der Erfahrung, die sich Zeit nimmt, den Körper in seinen Beziehungen zu einem Umfeld zu erforschen und dafür die klassischen Zuordnungen und Zuschreibungen entlang der Dichotomien von Subjekt und Objekt außer Kraft zu setzen. Was darin erscheint, ist eine Passion, die selbst den Gegensatz von aktiv und passiv verwirft, weil der Körper nicht umhinkann, von den Bewegungen, die er setzt, selbst bewegt zu werden. Auch hier greift das »Re-pair« im Sinne eines Wiederzusammenfügens von Aktion und Reaktion im selben Moment, für den Unterschied nicht in der Differenz zwischen dem Körper und den ihn umgebenden »Dingen« liegt, sondern nur in der Differenz der je spezifischen Erfahrungen dieser fundamentalen Verbundenheit in Raum und Zeit. Wenn auch anders gemeint, sind ihre Performances und Installationen »ansteckend« – sie aktivieren eine »Rezeption«, die das Betrachten einer ihrer Arbeiten selbst in einen Akt der Teilhabe verwandelt, in ein »re-pair« von Kunst und ihrem Publikum.